Smart Meter / Smart Grid: Ein typisch deutsches Desaster?

28. März 2012 | Von | Kategorie: Blog, Business, Klatsch & Tratsch, Know-How
Foto: ECB Energie AG

Foto: EVB Energie AG

Alle setzen auf «Smart Grid» oder «Smart Meter», egal ob Mobilnetzbetreiber, Beratungsfirmen, Modul- oder Hardwarehersteller – diese Anwendungen gelten meist als strategisch. Kein Wunder, denn es warten viele Millionen Zähler allein in Deutschland darauf umgerüstet und fernausgelesen zu werden. Da zeichnet sich für alle Beteiligten ein Riesengeschäft ab.

Folgerichtig legten sich alle Beteiligten mächtig ins Zeug, z.B.:

  • Hersteller entwickelten clevere «MUC-Controller» (Multi Utility Communication, d.h. Gateways zur Datenübertragung mehrerer Zähler, z.B. Strom, Wasser und Gas), z.B. die MUC-Lösung von Dr. Neuhaus die auch mit dem Vodafone Application Award 2009 ausgezeichnet wurde.
  • Energieversorger starteten Pilotprojekte zum Thema «Smart Meter», z.B. von RWE das Projekt „Mühlheim zählt„.

Inzwischen hat sogar die Politik diese Schlagworte gelernt und sie gehen unseren Politikern nun genau so flüssig über die Lippen wie «Energiewende» oder «Elektromobilität», alles Begriffe die im positiven Sinne mit Fortschritt assoziiert werden. Da ist man doch gerne – ganz vorn – dabei.

Aber dann kam es so, wie es kommen musste:

  • Bei einigen Bürgern regte sich Widerstand gegen «Smart Meter», wesentliche Besorgnis ist dabei eine mögliche Einschränkung der Privatsphäre durch den Einsatz dieser neuen Technik. Niedergeschlagen hat sich dieses Misstrauen gegen die Technik z.B. in zahlreichen Veröffentlichungen in der Presse, einer Petition an den Deutschen Bundestag oder auch im ersten Datenschutz-Gutachten zum Thema «Smart Meter». Wohlgemerkt, all diese – in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen – Reaktionen basierten auf Planungen und ersten Pilotprojekten. Welche Reaktionen bei einem „echten“ Rollout zu erwarten sind, kann man aktuell in Kanada beobachten: Kanadier protestieren gegen Spion im eigenen Haus.
  • Mit Stuxnet kam mit einem echten Paukenschlag die Erkenntnis, dass nicht nur klapperige Windows-PCs durch „Cyber-Angriffe“ bedroht sind, sondern auch technische Infrastrukturen. Für „Insider“ nicht wirklich überraschend, aber mit Stuxnet kam das Thema erstmals bis auf die Titelseiten und in die Tagesschau.

Und die Politik reagierte prompt:

Die Bundesregierung, genauer das das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), beauftragte im September 2010 das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) mit der Erarbeitung eines verbindlichen Schutzprofils für «Smart Meter». Auch im Energiepaket, das vom Deutschen Bundestag am 30. Juni 2011 beschlossen wurde, ist das Schutzprofil verankert.

Das – noch nicht ganz fertige – Ergebnis findet sich auf den Themenseiten «Smart Metering Systeme» des BSI – und die haben es in sich:

  • Zertifizierung nach «Common Criteria» (Evaluation Assurance Level 4, d.h. „methodisch entwickelt, getestet und geprüft„)

„Die Zertifizierung von Sicherheits-Systemen nach dem Common Criteria (CC) EAL4-Standard gehört zu den anspruchsvollsten und teuersten Zertifizierungstests denen sich ein Hersteller unterziehen kann.“ [Quelle: Glossar  der Website SearchSecurity.de – http://www.searchsecurity.de/glossar/EAL/articles/186978/ ]

  • d.h. ähnliche Sicherheitsanforderungen wie für Geldautomaten

In der Folge bedeutet dies  Zertifizierungskosten von geschätzten EUR 500.000,– (nur externe Kosten, nicht die eigentliche Entwicklung!) pro Metering-Gateway.

Als Zertifizierungsdauer werden zumindest 12 Monate angenommen.

Eine Nachzertifizierung existenter – fertig entwickelter – Geräte ist wohl nicht möglich.

 

Meine Meinung dazu:

Auf den ersten Blick könnte man sagen: „Alles OK, Sicherheit ist notwendig und muss sein. Endlich hat die Politik mal gehandelt“. Allerdings ist die Lösung mal wieder „typisch Deutsch“: Aufwändig, teuer, etwas langsam – aber dafür (fast) perfekt. Man sollte aber nicht vergessen, was auf der Strecke bleibt: Unsere Regierung – die ja lautstark für die Förderung des Mittelstandes steht – hat elegant und endgültig sämtliche kleineren Firmen aus dem Wachstumsmarkt Smart Grid gedrängt und so den Markt für Konzerne frei gemacht. Hier gewinnt zukünfitg nicht mehr Innovation und Schnelligkeit, sondern Finanzkraft.

Smart Meter und Smart Grid können sich für uns alle zu essentiellen Technologien entwickeln. Schade, dass es diesmal nicht zu einem – gesetzlich verankertem – innovativem Ansatz gereicht hat. Ich frage mich, ob es denn nicht auch auf Basis eines pragmatischen Datenschutzes (allem voran Datensparsamkeit!) und im Internet bewährter offener Technologien (Open-Source für eine öffentliche Überprüfung) ein deutlich nachhaltigerer Ansatz möglich wäre. Aber bevor die Politik aufwacht und zu diesem Schritt bereit ist, müssen die Piraten wohl noch einige Wahlerfolge erringen…

Wünschen wir uns zumindest, dass nicht noch allzu viele weitere M2M-Segmente den heutigen Trägern des M2M-Marktes – dem Mittelstand  – auf diese Weise entzogen werden.

 

Und noch ein Aspekt:

Wer wird wohl letztlich für die durch die Zertifizierung verursachten Mehrkosten aufkommen? Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder der private Stromkunde – ähnlich wie bei der EEG-Umlage. Wenn die BMWi-Ideen die Kosten für den Messstellenbetrieb in die Höhe treiben, werden wir alle die Auswirkungen dieser „Innovation“ demnächst durch steigende Stromkostenabrechnungen erfühlen können. Einen volkswirtschaftlichen Nutzen – den man bei einer EEG-Umlage ja immerhin noch erkennen kann – sehe ich bei diesen Mehrkosten allerdings nicht.

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